Wie im Märchen: Irati Fonseca Kohler auf Norderney

Irati Fonseca Kohler beim Kitesurfen

Manchmal schreibt Norderney völlig unerwartete Geschichten. Diese beginnt auf einer Insel im Atlantik. Die eigenen Schwiegereltern haben dort mal bei einer Kreuzfahrt für einen Tag einen Landgang gemacht. Und zu der wunderbar melancholischen Musik von Cesária Évora haben wir schon manchen weinseligen Abend verbracht. Doch damit erschöpfte sich bislang unser Kenntnisstand über die Kapverdischen Inseln. Jetzt wissen wir eine Menge mehr, denn wir haben Irati Fonseca kennengelernt, die nun Irati Fonseca Kohler heißt – seit sie den Norderneyer Klaus Kohler geheiratet hat.

Die Geschichte der beiden liest sich wie ein modernes Märchen. Denn die von den Kapverden stammende junge Frau hat in den vergangenen vier Jahren nicht nur ihr Privatleben auf den Kopf gestellt, ausgezeichnet Deutsch sprechen und Norderney lieben gelernt, sondern ist – quasi aus dem Nichts – in die Weltelite der Kitesurfer vorgestoßen. “Sie ist ein echtes Naturtalent” sagt Klaus, der selbst seit Jahrzehnten surft und kitet. Die Neu-Norderneyerin hat inzwischen ihren ersten Wohnsitz auf der Insel angemeldet und bereichert den bunten Mix aus mehr als 60 Nationen.

Irati Fonseca Kohler auf Norderney

Leben auf den kapverden

Die Kapverden – amtlich Cabo Verde – sind ein afrikanischer Inselstaat im Zentralatlantik, etwa 570 Kilometer von der Westküste des Senegal und vier Flugstunden von Teneriffa und Gran Canaria entfernt. Die rund 550.000 Einwohner des Archipels verteilen sich auf neun Inseln. Glaubt man dem Demokratie-Index des Economist, verfügt das kleine Land über eine halbwegs funktionierende Demokratie, neben Mauritius die stabilste in Afrika. Auch Reiseveranstalter wie TUI scheinen die Kapverden als neuen Hotspot zu entdecken.

Aus Sicht der Bewohner stellt sich die Lebenssituation etwas anders dar. Irati stammt von der Insel Sao Vicente, auf der auch die eingangs erwähnte Cesária Évora geboren ist. Nach der Schule können ihre Eltern die Kosten für eine weitere Ausbildung nicht zahlen. Irati zieht daher auf die Insel Sal in das touristische Zentrum der Kapverden und arbeitet zunächst in einem chinesischen Restaurant – für 90 € im Monat.

Später wechselt sie in einen nur wenig besser bezahlten Job in einem Minimarkt und arbeitet dort von acht Uhr früh bis acht Uhr abends, sechs Tage in der Woche. Um sich mit ihren ausländischen Kunden an der Kasse besser verständigen zu können, bringt sie sich autodidaktisch fließend Englisch sprechen bei. “Das alles ging nur, weil ich zufällig eine Tante auf Sal hatte, bei der ich kostenlos wohnen und essen konnte”, erklärt die 25-Jährige.

Gemeinsam nach Norderney

Klaus Kohler hat die Kapverden vor über 20 Jahren als Paradies für Surfer entdeckt. Seitdem verbringt es regelmäßig seine Urlaube dort, trifft sich mit einer Clique von begeisterten Wassersportlern. Im Herbst 2016 lernt er Irati beim Brötchen holen an der Kasse in dem kleinen Supermarkt kennen. Nach ein bisschen Hin und Her hat es gewaltig gefunkt. Seitdem sind die zwei ein Paar. Natürlich möchte Klaus seiner neuen Freundin auch seine Heimatinsel zeigen – doch die bürokratischen Hürden erweisen sich als höher als die höchsten Wellen am Strand.

Erst im Sommer 2018 – als die beiden längst verheiratet sind – besucht Irati zum ersten Mal Norderney. “Das war so schön”, sagt sie mit charmantem Akzent. “Eine kleine Stadt, die so viel bietet – und in allen Richtungen ist immer gleich überall das Meer.” Seit 2019 verfügt Irati über einen deutschen Aufenthaltstitel, kann jetzt problemlos ein- und ausreisen und länger bleiben. In vier bis fünf Jahren wird sie nach üblichem Gang der Dinge die gleiche Staatsbürgerschaft bekommen wie ihr Mann. Auf der Insel hilft sie Klaus in dessen Geschäft. Und dann gibt es ja noch den Sport…

Ein Kite-Surf Naturtalent

“Ich habe höchstens ein bisschen Gymnastik und Schwimmen gemacht früher in der Schule – ansonsten nichts die ganze Zeit”, resümiert Irati die sportliche Laufbahn ihrer Teenagerjahre und schüttelt den Kopf, als könne sie es selbst nicht glauben. Für die meisten Menschen auf den Kapverden ist Wassersport unerschwinglich und es fehlt die Zeit. “In den ersten zwei Jahren auf Sal bin ich nur zweimal am Strand gewesen.” Erst als sie Klaus kennenlernt, begleitet sie ihn häufiger zum Kiten – und schaut begeistert zu, wie ihr Mann über das Wasser gleitet. Irgendwann drückt er ihr einen Übungskite in die Hand und drängelt so lange, bis sie es endlich auch einmal selbst ausprobiert.

Die erste Woche des Kitesurfens wird Irati wohl nie vergessen. “Ich habe am Strand gesessen und geheult.” Doch voller Ehrgeiz und mit Klaus als erfahrenem Lehrer an ihrer Seite macht sie rasend schnell Fortschritte. Bereits nach wenigen Wochen gelingt ihr der Umstieg auf ein “strapless” Board ohne Schlaufen. “Normalerweise brauchen Kitesurfer mehrere Jahre Erfahrung, bis sie die Umstellung auf diese deutlich anspruchsvollere Technik hinbekommen”, erklärt Klaus.

Seitdem hat Irati bei entsprechender Windstärke jede sich bietende Gelegenheit auf dem Wasser verbracht. 2018 kitet sie gemeinsam mit Klaus in acht Tagen 500 Kilometer “downwind” entlang der brasilianischen Küste. 2019 gelingt ihr eine 75 Kilometer lange Fahrt mit dem Kite über den offenen Atlantik zwischen den Kapverdischen Inseln Sal und Boa Vista. “Da draußen hast du eine Dünung von sechs bis sieben Metern Höhe und nur das Meer bis zum Horizont.” Drumherum Delfine, Wale und ein paar Haie. Angst scheint die junge Frau nicht zu kennen.

Der Weg in den Weltcup

Ein Video auf YouTube, das Irati bei einem waghalsigen Wellenritt an der Ponta Preta im Südwesten von Sal zeigt, weckt die Aufmerksamkeit des renommierten Kiteherstellers Core Kiteboarding. “Die haben mir angeboten, in ihrem internationalen Team beim World-Cup zu starten. Von Null auf Hundert – das war eine Riesenchance für mich.” Bei den Wettbewerben auf Sylt im vergangenen Sommer und auf Mauritius im Herbst belegt Irati in der von ihr gefahrenen Disziplin auf Anhieb einen 9. bzw. 12. Platz unter mehr als 20 Starterinnen. “Mir fehlt noch die Technik und Erfahrung, um in allen Disziplinen an den Start gehen zu können. Aber daran arbeite ich jetzt.”

Für das weitere Training hat sich bereits prominente Unterstützung angekündigt. Beim World-Cup auf Sylt hat Irati die Besten der Besten ihres Landes kennengelernt, darunter Kitesurflegende und Weltmeister Mitu Monteiro. “Wir hatten eine Menge Spaß und die Jungs haben mir angeboten, dass wir demnächst mal auf den Kapverden gemeinsam trainieren wollen.”

Wie für viele erfolgreiche Sportler wäre auch Iratis Weg in die internationalen Wettbewerbe der Kitesurfer nicht möglich ohne Sponsoren. Neben Ausrüster Core Kiteboarding unterstützen unter anderem Chaaya Shoes, Shakaloha sowie die Segeltuchtaschen-Manufaktur 360 Grad das Ausnahmetalent. Auf Norderney hat Ines Kirch von Tu Casa Immobilien von Anfang an an Irati geglaubt und ihre Entwicklung gefördert. Für 2020 plant die Sportlerin an den World-Cup Veranstaltungen auf den Kapverden und auf Sylt sowie eventuell – wenn es die Zeit zulässt – in Marokko und auf Mauritius teilzunehmen. Wer sich Iratis Entwicklung der vergangenen Jahre vor Augen führt, kann ihr Glück nachvollziehen. “Ich bin dankbar, wie alles gekommen ist. Es fühlt sich manchmal an wie ein Traum, aber es ist wirklich wahr.”

Sehstücke Norderney
Friedrichstraße 30 – 26548 Norderney
(04932) 991414
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